Gespräche mit ehemaligen Beschäftigten

1997 traf sich Johanna Bartl in Vockerode mit ehemaligen Beschäftigten der Gewächshausanlage, mehreren Frauen und einem Mann, um im Gespräch Erinnerungen zu beleben.

Sie erzählten von ihrem Leben, den Arbeitsbedingungen in der sozialistischen DDR, den sozialen Beziehungen.

(…) Ergänzungen von Johanna Bartl

Es war eine Arbeit bei Tageslicht, mit Arbeitszeitverlagerung. Im Sommer haben wir zeitiger angefangen, um fünf, wegen der Wärme. 40 Grad waren es oft. Wie eine Tropenluft war das. Dann war Wochenenddienst. Gießen, Ernten. Das waren immer bloß ein paar Stunden. Und dann hatten wir Champignons, die mußten geerntet werden so um die Weihnachtszeit. Die mußte man feuchthalten.

Es war eine richtige Normarbeit. Es mußte eine Norm geschafft werden, nach der wirst du bezahlt. Hast du es nicht geschafft…

Es war abwechslungsreich. Wir haben ja dann auch Blumen gezogen, Tulpen waren dann oft drin. Das war wichtig. Zum Frauentag gabs Tulpen! Und die Pilze, Paprika. So war es abwechslungsreich. Wir haben unser Deputat gekriegt, kiloweise, jede Woche ein Kilo. Das mußten wir natürlich bezahlen, wie draußen. Es hat doch nichts gegeben hier in Vockerode – so eine große Gärtnerei und in der Kaufhalle hast du nicht eine Tomate gekriegt. Wir haben doch alles nach Berlin, Halle-Neustadt, Leipzig, in die großen Städte, sogar Westberlin, geliefert.

Man hat hier eine Wohnung gekriegt. Zum Beispiel ich habe hier eine Wohnung bekommen und dann habe ich angefangen zu arbeiten. Wegen der Wohnung bin ich hierhergezogen. Neubauwohnung ist ja was Schönes.

Und die Häuser hier (Einfamilienhäuser im Dorf), das sind alles GWA-Häuser, die haben Leute gebaut, die hier gearbeitet haben. Da hat der Betrieb geholfen. Wir haben ja von allem was gehabt: Maurer, Elektriker, Maler, Tischler. Einen kleinen Konsumladen.

Das war ein Zusammenhalt, das war ein richtiges Familienleben.

Heute kennt ja kaum einer den anderen. Jeder ist auf sich selber gestellt. Man sieht sich jetzt grad mal am Wochenende. Manchmal ist ja sogar Haß untereinander jetzt. Am meisten ist es die Familie, die darunter leiden muß. Die Männer sind auf Montage, die Frauen haben so gut wie keine Arbeit. Die Kinder allein großziehen, das war früher nicht.

Die Arbeit: wir hatten jeder unser Objekt. Da mußte man dafür sorgen, daß so und so viele (Arbeiter) da sind. Wenn Ernte war, mußte man ernten, konnte man ja nicht vergammeln lassen, dann mußten die anderen Arbeitskollegen das eben machen. Es gab Brigaden. Jede Brigade hatte so und so viele Häuser, und jeder Arbeitskollege hatte seins, was er jede Woche machen mußte an Pflanzen. Die Aufzucht war für sich, nicht in der Brigade drin, war extra. Wir haben die Pflanzen bekommen, aufgezogen und geerntet. Aber nur so und so viele Häuser jede Brigade. Natürlich hat man mal ausgeholfen. / Zwischen 15 und 20 in einer Brigade. /

Bei der Ernte: 50-60 Tonnen Tomaten wurden hier geerntet. Da war Hochbetrieb. Manchmal bis abends um neun, manchmal sonnabends. Die Entezeit war schwer. Das ist überall so: es gibt gute und schlechte Tage. Die Ernte: alles vorschieben durch den Schlamm, körperliche Arbeit, die ganzen Kisten anheben. Wenn man allein war…

Wir sind ja auch nach Leistung bezahlt worden und jeder wollte auch sein Geld kriegen. Wenn man nicht viel gemacht hat, hat man nicht viel verdient. Jeder hatte sein Buch; jeder hat seine Kisten rausgestellt, das wurde aufgeschrieben für denjenigen und danach wurde das bezahlt. Wir mußten dafür unterschreiben, dass wir nur so und so viel heben durften, aber das war immer mehr. Die Gurkenkisten, das waren über zwölf Kilo. Weil wir sonst unsere Leistung gar nicht geschafft hätten. Die Tomaten waren manchmal schwerer, manchmal bis fünfzehn Kilo. Manchmal das Doppelte der Vorschrift. Aber schöner war es doch wie jetzt. Ausländer waren auch hier. Aber die haben nicht viel gearbeitet, die Fidschis (Vietnamesen) schon. Die erste Zeit. unter Anleitung, da ging es. Aber später dann, da haben sie gemeutert. Denen war es auch egal, ob sie Geld verdient haben oder nicht. Da haben sie den Leiter angespuckt, da haben sie uns tätlich angegriffen, die waren… na ja. Die haben die irgendwo hergeholt, die haben sie ja erst eingekleidet, die waren ja barfuß aus dem Flugzeug gestiegen, im Herbst. Wer weiß, wo sie die aus dem Busch rausgeholt haben. Das durften sie nicht machen. Bei denen ist Geld abgezogen worden, das ist dann nach Mosambique oder auf irgendein Konto gekommen, das haben wohl die Verwandten gekriegt, und da haben sie nun so wenig Geld gehabt. Und da haben sie uns dafür verantwortlich gemacht, daß sie nun so wenig Geld hatten. Da kam der Haß auf. Das wurde immer schlimmer, der Haß dann, zum Schluß warst du eben nur Deutscher. Da haben sie den Direktor mit Gurken beschmissen (Lachen), den Parteisekretär (Lachen), da sollte die Kampfgruppe eingreifen, wißt ihrs noch? Das war Meuterei, die haben sich geschlagen! Da mußte man aufpassen, zum Feierabend haben sie einem aufgelauert. Dann sind sie oben ohne durch den Betrieb gelaufen, oder unten ohne, wenn es zu heiß war, haben sie sich eben ausgezogen und sind so in die Häuser rein. Am Ende haben wir sie links liegen lassen. Die sind alle wieder weg. Die haben sie alle wieder ausgeflogen. Und die Fidschis auch. Die hatten so große Kisten, ihr Hab und Gut, ihre Siebensachen darin, und weg. Die haben hier gewohnt im Heim, wo alles leersteht jetzt. Alles zunichte jetzt dort.

Wenn eine Frau hier zehn Jahre war, die hat es bestimmt im Kreuz. Da sind viele abgesprungen, wegen dem Kreuz, weil es zu schwer war. Aber als Berufskrankheit wurde das nicht anerkannt. Schwere Arbeit wars. Du warst ja nur am Bücken. Erstmal pflanzen, dann wickeln, die Pflege von den Pflanzen auch, und dann ernten. Das Wickeln: die Pflanze hat einen Faden, da mußte man drumwickeln, daß sie so nach oben rankt. Alles nach Norm. Da waren Drähte im Haus gespannt, und da wurden die Fäden runtergelassen und daran wurden die Pflanzen dann nach oben gewickelt. Nach sechs bis acht Wochen waren die ersten dran. Da gab es eine Anweisung. Nach Norm. Dann wurde ausgebrochen, die Seitentriebe ausbrechen. Wenn sie größer waren, Blattschnitt bei der Gurke, Tomate auch. Geizen, Seitentriebe ausgeizen. Das haben wir so gelernt.

In der letzten Zeit war es schlimm, als der Holländer da war, da mußten wir das alles nicht mehr so machen, wie wir es gelernt hatten. Die haben uns kaputtgespielt.

Die Wärme kam vom Kraftwerk. Kraftwerk und GWA -zwei Welten waren das. Wir kannten uns ja zum Teil nicht einmal.

Für die Freizeit hatten wir unser Versorgungscenter, da waren die Gaststätte drin, Kegelbahn. Die vom Kraftwerk hatten das eigene.

Wir brauchten ja gar nicht woanders hinzugehen, wir haben ja alles im Betrieb erledigt: unsere Freizeit, unser Mittag, unser Frühstück, wir haben unsere Einkäufe im Betrieb gemacht.

Das Kraftwerk, das ist ja meistens Schichtbetrieb gewesen, Dreischichtbetrieb.

(Der Mann:) Im Großen und Ganzen: die Gärtnerei, ja freilich, für die Frauen wars schlecht, schwere Arbeit, aber warum hat man denn die Gärtnerei so abgeschoben? Die neuen Verfahren: Millionen sind da reingesteckt worden, Jahre nach der Wende, haben sie alles wieder rausgerissen. Und vor allem: die Gurken, im Geschmack! und Tomaten, die wollten die doch nur noch aus Vockerode. Das kann ich nicht verstehen, daß das jetzt kaputtgegangen ist. Dann – hat man ja keine Abnehmer mehr gefunden, dann hat keiner mehr was genommen nachher.

Und die Gebäude, die die GWA gebaut hatte, alles zunichte. Das VZ (Versorgungszentrum), ein großer Saal, Betriebsküche, Disco. Wenn man Privatfeiern hatte, konnte man sich da anmelden. Lehrlingswohnheim, Berufsschule, das gehörte alles zum Betrieb. Lehrlingswohnheim: steht leer. Die Schule schmeißen sie jetzt auch kaputt. Kann man alles vergessen.

Weggehen von Vockerode? (A:) Ich nicht mehr. (B:) Vor zehn Jahren – ja, aber jetzt? Alles zurücklassen? Höchstens: es ist mal was mit der Arbeit. (C:) Im Notfall, wenn es nicht anders geht. Aber dann nicht in den Westen, nee. Wenn, dann hierbleiben, irgendwo. (B:) Nee, da möcht ich auch nicht hin.

Wenn man ein Häuschen hätte…o ja. Das haben wir verpaßt. Und jetzt kriegt man keinen Kredit. Hast du ABM, zählt das auch nicht. Wir haben noch nicht mal einen Kredit für die Wohnung gekriegt.

Wir haben eigentlich gut verdient, durch die Leistung. Die Arbeit war schwer, aber wir waren ein gutes Kollektiv, und wenn das stimmt, kommt es auch mit der Arbeit hin. Man konnte auch einen Antrag stellen, daß man in eine andere Brigade kam, das war nicht so einfach, aber es ging. Sonst untereinander, die Kollektive, das war gut. Und wer nicht spurte, der mußte eben zurechtgebogen werden. Wie? Der wurde mit Gurken geschlagen (Gelächter). Da wurden Aussprachen geführt. Das war eigentlich normal. Schwarze Schafe gibt es überall, es gibt überall mal was. Aber das haute schon hin. Wenn du denkst: ach jetzt mußt du schon wieder da hin in diese Brigade, oder diese Frauen – das ist klar: da hast du auch keine Lust zu arbeiten. Es war ein Frauenbetrieb, und da kommt schon mal was vor, wenn so viele Frauen auf einem Haufen sind.

Unsere Männer: die haben die leichte Arbeit gehabt. Die haben den Transport gemacht. Die saßen eben im Traktor drin, und die Frauen haben aufgeladen. Bis wir uns mal beschwert haben, dann haben sie mal ein paar Wochen mit aufgeladen und dann haben sie wieder auf dem Traktor gesessen. Wir hatten die schwere Arbeit, und die Männer hatten eben das andere. Das war schon immer so. In der Leitungsebene? Halbe, halbe.

(Der Mann:) Die Frauen waren hier die Leidtragenden, die mußten arbeiten.

Manche haben es ja gar nicht lange ausgehalten. Wir hatten manchmal Lehrlinge hier, Jungs – die sind nach der Lehre gleich ab. Umgesattelt, weil es für die zu schwer war. Es haben hier viele gelernt, die dann weggegangen sind. Jedenfalls nicht GWA, da wollten sie nicht bleiben. Für manche war es zu dreckig, auch für manche Frauen. Dreckig! die Tomaten, man war ja schwarz davon. Man mußte auch mit Gummistiefeln arbeiten. Vorn hatte man ja diese Matten liegen, Seuchenmatten, da mußte man drüberlaufen. Gummistiefel, bei der Ernte – man hat geschwitzt. Und Gummihandschuhe. Bei den Gurken ging es. Die haben zwar gekiekelt, aber da hast du dich dran gewöhnt. Aber bei den Tomaten, da war es anders. Da hast du total grüne Finger gekriegt. Kurzärmlig war gar nicht möglich. Da ziehst du automatisch Gummihandschuhe an. Richtig schwarze Finger, so grün, durch die Tomatenblätter, das färbt richtig ab. Und die Gurken, die haben an die Arme gekratzt, da warst du zerkratzt. Die sind ja so kratzig. Also, es hat jede Sorte so was an sich gehabt. Außer der Paprika, der war gut. Und die Pilze, die fand ich am schönsten. Außer die Mäuse. In dem Myzel, das da war. Da wurde Papier drübergemacht und das dann feuchthalten. Und wenn du das dann abgedeckt hast, da waren dann eben die Mäuse drin, weils so schön warm war und draußen wars kalt, da hatten die ihre Häuschen drin.

Die Pilze, das hat auch Spaß gemacht, das war einwandfrei. Natürlich: Pilze mußten wir sonnabends, sonntags auch ernten, ob das Weihnachten war oder… das mußte sein.

Es gab auch andere Abwechslung: teilweise haben wir auch schon mit ausgesät in der Jungpflanzenaufzucht. Mit der Maschine wurden Erdwürfel gemacht und dann wurde da jedesmal ein Kern reingetan. Oder die aus der Vermarktung mußten auch mal in der Ernte helfen. Das waren ja meistens Frauen, die aus den Häusern rausmußten, gesundheitlich, die waren dann in der Vermarktung, oder durch Schwangerschaft. Oder: wenn die Häuser leerwaren, dann wurde was hergebracht und wir mußten das abpacken oder so was. Da haben sie uns irgendwas geschickt, das mußten wir einpacken: Lebkuchen, Senf, Nägel – wenn hier keine Arbeit mehr war. Das war Abwechslung. Apfelsinen sortiert, Rosenkohl geputzt. Winterarbeit hatten wir öfters, Rohre gestrichen. Bis zum November hatten wir ja Arbeit, im März ging es schon wieder los: Beete herrichten, Erdwälle machen, wo die Pflanzen reinkommen.

Die normale Temperatur war 18-20 Grad. Im Sommer wurde aufgemacht: die Tore und an den Seiten. Plaste ist eben warm, das staut. Glas? Ist feuchter, finde ich. Das beschlägt schneller. Wenn du von draußen gekommen bist – für manche war es ein Schock: die Wärme, weil das so drückend war. Tropenluft. Für die es mit der Luft schwierig war, die gingen in die Vermarktung. Das war so eine trockene Wärme, viele hatten Schnupfen und Husten und so, so wie Asthma. Und dann mit den Nieren, wegen der Flüssigkeit, weil man so schwitzt.

Mit die Wirbelsäule, Rücken, Nieren und Luft – da ist viel gewesen. Das merkt man jetzt, wenn man mal was Schweres heben tut. Fast jeder hat sich da was geholt.

Ein Arzt ist jede Woche zweimal gekommen.

Sauna hatten wir.

Aber die hatten ja auch ihr Anweisungen, sie durften ja nicht krankschreiben. Waren ja Betriebsarzt gewesen. Reihenuntersuchungen: wir wurden alle zum Röntgen geschickt – aber wir waren alle gesund. Die nichts hatten, wurden krankgeschrieben, und wenn du dann kamst, konntest den Kopf unterm Arm haben und wurdest nicht krankgeschrieben, weil sie ihr Soll schon erfüllt hatten.

Ja, manchmal habe ich den Tag verflucht, zur Erntezeit. Es waren schöne Zeiten, aber auch andere.

Aber der Frauentag war immer schön, ja! (Gelächter) Den hätten sie mal behalten sollen, den Frauentag. Da sind wir mal alle zusammengekommen. Kleines Geschenk… Da gabs erst einen Strauß Tulpen, beim Einlaß. Heutzutage kann mans ja kaufen, aber das war schon schön. Weihnachtsfeier, Frauentag, Betriebsfeiern. Das gehörte dazu. Kegeln, regelmäßig. Im VZ (Versorgungszentrum) unten Kegeln, oben essen. Kulturell haben sie (?) viel gemacht. Unser Betrieb hat viel organisiert. Kino.

In der Aufzucht gab es 350 Lampen, die wurden so tief gehangen. So lange es dunkel war, früh, haben wir andere Arbeiten gemacht, Schlingen an die Fäden und so, und wenn es heller wurde, sind wir in die Häuser gegangen.

Aber es gab auch, daß wir nicht in die Häuser reinkonnten vor Mücken, da mußten sie erst spritzen, dann mußten wir warten und konnten dann erst arbeiten.

Chemie: angeblich soll es ja nicht schädlich gewesen sein. Pflanzenschutz gab es immer, jede Woche. Nach der Wende mußten wir eine Gasmaske aufsetzen. Richtige Gasmaske. Das geht ja noch, wenn man spritzt mit der Maske, aber wenn man Schläuche ziehen muß, bei der Wärmen, da kommt man um. Wenn Krankheiten waren: Mehltau, weiße Fliege – dann wurde gespritzt. Wenn das einmal drin war, mußte jede Woche gespritzt werden. Das haben wir selbst gemacht, obwohl wir welche für Pflanzenschutz hatten. Aber die haben das nur rangefahren und wir mußten dann spritzen. Die haben nur die Mischung gemacht und den Behälter gebracht. Vor der Wende mußten wir keine Masken aufsetzen.

Jedenfalls haben sie geschmeckt, die Tomaten. Wer weiß, wo wir sie jetzt herkriegen.

(der Arbeitsweg:) mit dem Fahrrad. Unsereiner ist mit den Arbeitssachen gleich hingefahren. Die Kinder waren alle klein, man ist erst zum Kindergarten oder Kinderkrippe und dann gleich zur Arbeit. Wir hatten jeden Tag unsern Gang. Und nach Feierabend war es genauso. Die Kinder geholt, gleich auf dem Weg, und nach Hause. Vockerode war kinderreich. Alles voll Kinder. Alles junge Leute. Von außerhalb die Arbeitskräfte haben ihre Kinder mitgebracht, und abends wurden die wieder nach Hause geschafft. War alles da. Und es hatte ja auch jeder nicht nur ein Kind, sondern zwei, drei. Nicht wie jetzt, hat man ja nur ein Kind oder gar keins. Wenn das Kind mal unpäßlich war, hat die Frau den Haushalttag (ein bezahlter freier Tag im Monat) genommen, den gab es ja damals noch. Nicht zu arbeiten? daran hat man ja gar nicht gedacht, um Gottes Willen. Manchmal, wenn es stressig war an der Arbeit, da hat man schon mal gedacht: wenn das Kind doch mal krank sein würde, ein bis zwei Tage… An so was hat man schon mal gedacht.

Viele wollten Garten haben, da haben sie eine Sparte aufgemacht. Das hat nicht gereicht, da haben sie sich fast geschlagen deswegen: warum hat der einen Garten und ich nicht? Für uns war das ein Ausgleich gewesen, da kann ich mir ja meine Arbeit dann einteilen.

Man fragt sich, wie man das gepackt hat damals. Heute schafft man das nicht mehr. Die Kraft läßt nach. Wenn man zu Hause nur seinen Trott dahinmacht, läßt das nach, als wenn man ständig arbeitet, bleibt man dabei.

In der Stadt? möchte ich auch nicht wohnen. Viele kommen ja aus der Stadt raus und bauen hier, es ist billiger, und es ist ruhiger. Wir hatten ja alles. Kulturell ist jetzt alles tot. Alles kaputtgemacht erstens, zweitens ist der Zusammenhalt weg. Jeder muß an sich selber denken. Früher hatten wir in den Gärten zusammen gefeiert, das ist alles nicht mehr. Vor allem ist jetzt der Haß: der eine hat Arbeit, der andere nicht.

Das geht schon mit den Nachbarn los. Als ich das erste Mal nach drüben gefahren bin: die haben ja nicht mal ihren Nachbarn gekannt. Das ist ja was, das kann man ja wohl vergessen, wenn man nicht mal den Nachbarn kennt! Ich sage: das gibts ja wohl nicht, man muß doch wenigstens seinen Nachbarn kennen! Die kümmern sich da nicht drum! Da geht jeder seine Wege! Von wegen mal zusammen feiern, trinken… das gibts da nicht. Und das kommt jetzt hier auch. Das wird schon immer weniger. Wir feiern immer, bis jetzt kommen noch alle, die Nachbarn auch. Aber wenn ich so von manchen höre, die sich gar nicht mehr angucken – das kann man ja wohl vergessen. Durch die Arbeit ist der Haß jetzt groß. Können es aber nicht ändern.

Nach Feierabend über die Arbeit reden? Unsere Männer haben ja größtenteils auch im Betrieb gearbeitet, da wurde ausgetauscht. Andenken? 1984 gab es mal so ein bedrucktes Glas: zehn Jahre GWA.

(Der Mann:) Das wäre nicht schlecht gewesen, wenn man das gefilmt hätte damals, und jetzt nochmal filmen: wie es da ausgesehen hat und wie es jetzt aussieht. Die müßten sie verhaften, einsperren!

Das war ja ein Jugendobjekt von Bezirk Halle. Da haben die viele Gelder reingesteckt. Wenn der Landwirtschaftsminister kam, da wurde jeder Winkel geschrubbt – die haben da gar nicht hingeguckt. Wir durftens machen und die haben gefeiert. Wir mußten schuften und die…

Und Angst haben die gehabt! Die haben uns mittags frei gegeben, damit wir ja nicht da sind, wenn die großen Herren kommen, damit die sich ja nicht fragen, wie schwer die Arbeit nun ist. Das war alles abgeschirmt. Wenn sich Prominenz angesagt hatte, wurde einen Tag vorher saubergemacht. Wie das eben so war: da waren die Bananen auf dem Tisch, in der Kaufhalle hast du keine gekriegt. Na wie es eben so war. Die Technik gabs ja, aber sie wurde nicht eingesetzt. Da mußten wir die Dämme schaufeln für die Gurken, solche Dämme, alles mit der Hand. Weil sie unsere Traktoren so gar nicht einsetzen konnten, die waren zu groß. Da war noch die Bodenheizung drin, die geht doch kaputt, wenn sie da so große Traktoren reinbringen. Die brauchten ja nur kleinere Traktoren, hatten sie aber nicht, nur in der letzten Zeit. Da hatten wir nur die Hälfte Arbeit.

(Der Mann:) Der Typ von Gärtnerei ist ein Russentyp, stammt von den Russen. Viel Technik da, aber einsetzen konnten wir sie nicht. Außer die Sortiermaschine, von den Holländern, nach der Wende, 1990 ungefähr, Sortierung für Gurken, Tomaten, Paprika. Mit Band, mit Bürsten gereinigt, die sind durchgefallen auf andere Bänder, nach Größe in Kartons, keine Körbe mehr. Die Plastekübel – für die Tomaten. Körbe und Kisten haben wir wieder zurückgekriegt.

Sie konnten ja Verbesseungsvorschläge machen, aber die sind in die Schublade gekommen. Später hat man die mal wiedergefunden, beim Umräumen. Meinem Mann ist das auch passiert. Die haben einen Verbesserungsvorschlag gemacht, das haben die weggelegt und nicht wiedergefunden. Und dann später einmal hat jemand den gleichen Vorschlag gemacht, der hat dann das Geld kassiert.

Zwei Brigadeleiter waren für zwanzig Mann (Frauen). Das waren genauso Arbeiter wie wir, die haben dann in den Wintermonaten Meisterschule gemacht, über zwei Jahre, und dann sind die bei uns in den Brigaden eingesetzt worden. Die waren von der Partei bestimmt, da sind nur solche rangekommen, die in der Partei waren. Die haben viel Verantwortung gehabt, aber körperlich – nichts mehr. Die saßen eben draußen und haben gewartet, bis du rauskamst und dann hast du gesagt, was du gemacht hast und das haben die dann aufgeschrieben. Die haben ja früher mitgearbeitet und da hat man ja gesehen, was sie gearbeitet haben. Die Norm haben sie hochgetrieben und dann waren sie Meister, und wir sollten die Norm bringen, die sie kurze Zeit mal gebracht haben. Die haben sich dann verändert. Die wollten nicht mehr arbeiten. Viele sind ja dann erst eingetreten (in die Partei), weil sie das machen wollten…

Manch einer ist in die Partei eingetreten, damit er ein Betriebshaus kriegt. Alles solche Sachen. War alles da. Nur: unsere Brigadiere, die waren ja aus unserer Brigade gekommen, wir konnten mit denen ja anders umspringen als die anderen. Wir kannten uns ja. Wir haben ja doch mal unsere Meinung gesagt, und meistens haben sie es auch akzeptiert. Aber wenn jetzt ein Fremder kommt, das ist schon etwas anderes.

Reden an der Arbeit – das war schon. Das ist viel gewesen. Manchmal braucht man das schon.

Die von außerhalb kamen, haben ihre Spinde genutzt, haben sich da geduscht und umgezogen. Wir hatten einen eigenen Spind. Man hatte ja Portemonnaie mit. Da gab es einen richtigen großen Raum zum Frühstücken. Da war eine kleine Kantine, da gab es Kaffee, Ei, Würstchen, belegte Brötchen. Jede Brigade hatte einen Stützpunkt. Da waren zwei Frauen, die haben da gekocht, abgewaschen. Hundert Leute – ein Stützpunkt. Mittag aus der Großküche. Dort hatte jeder seinen Platz, jede Brigade. Der Stützpunkt: das waren die Duschen, die Umkleideräume, die Toiletten, Büros für Vorarbeiter, damals hieß es Meister.

Die Wandzeitung: haben wir selbst gemacht. Während der Arbeitszeit. Zwei wurden abgestellt, die das gemacht haben. Da gab es ja auch Geld und wenn es zwanzig, dreißig Mark waren, das kam in die Brigadekasse, oder für die Brigadefeier. Da waren eben welche bestimmt. Es hatte eben jeder seine Arbeit. Die Themen waren vorgegeben. Manchmal haben auch die Kinder was gemacht, jede Brigade hatte ja eine Patengruppe. Die waren ja begeistert. Die durften ja nicht rein, sind so rumgegangen, haben die Tomaten gesehen, wir haben die Tore aufgemacht. Die waren oft da vom Kindergarten, auch von der Schule. Aber da mußten wir zur Elternversammlung und so, das haben wir uns abgewimmelt – lieber die Kinder vom Kindergarten. Die haben sich angemeldet, zum Beispiel zum Frauentag, haben ein Programm gemacht, gesungen und so. Wir gaben Kakao und Plätzchen, was wir hatten, haben sie beköstigt. Das war während der Arbeitszeit. Die Leistung mußten wir natürlich (trotzdem) bringen.

In der Freizeit? da wäre das alles vielleicht nicht gewesen. Obwohl: wir haben viel während der Freizeit gemacht, was war das denn noch? Man vergißt das. Ist ja schon so lange her. Versammlungen und so, das war ja alles während der Arbeitszeit, nur in der letzten Zeit nicht. Die Kegelabende, das war auch nach der Arbeit. Sportfest, alles nach der Arbeit. Wir sind regelmäßig jeden Monat zum Kegeln.

Wir hatten den Konsum im Betrieb, da mußte man vorher Bescheid sagen, wenn man da hinging. Lange stehen durfte man da aber auch nicht, da wurde man schon gesucht. Oder man hat es sich bestellt, oder während der Pause. Oder nach der Arbeit.

Ja, da ist man öfters mal nach Dessau gefahren, in der Lehre sowieso: da hat man sich frischgemacht und dann los.

Ich habe Facharbeiter gemacht und dann Lehrfacharbeiter. Lehrfacharbeiter zur Betreuung der Lehrlinge, in ihrer praktischen Ausbildung. Die waren ja gleich hier praktisch drin.

Im Urlaub: Betrieblich hatten wir zwei Bungalows und ein Ferienheim. Schieberei gab es da immer. Da gab es viel Heckmeck. Drei Bungalows und von anderen Betrieben auch noch Plätze. Und die Kinderbetreuung in den Ferien. Wir hatten auch Austausch mit CSSR und Polen, Ferienplätze. Wir hatten Partnerbetriebe dort. Urlaubskarten! wenn einer keine geschrieben hat, ist gelästert worden. Wir hatten damals für vierzehn Tage – über Weihnachten, Sylvester – in Kühlungsborn, FDGB, dreihundertund… bezahlt! Mit Verpflegung! Den Rest hat der Betrieb gezahlt. Wir konnten unseren Kindern was bieten. Die kommen nicht wieder, die Zeiten. Die sozialen Maßnahmen von damals, das ist alles weg: Kindergarten ermäßigt, unser Haushaltstag. Das kriegen jetzt alles die, die nicht wollen. Die in der Kneipe hängen. Die kriegen eben zuviel Geld.

Ein Wort für die Zeit damals? Kameradschaft, ja, Kameradschaft.