Johanna Bartl

Das „Wortfeld“ im Rasen neben dem frei wachsenden Areal in Magdeburg fügte ich 2005 aus fünf beschrifteten und sieben leeren Betonplatten. Die Linien der Gräser und Schatten auf den hellen Flächen korrespondieren mit meinen Zeichnungen, Fotografien, Videoarbeiten und Licht-Schatten-Projektionen.

Wieland Krause

Mein Arbeitsansatz innerhalb unseres Projektes konzentriert sich auf das Erfassen, das Dokumentieren des Areals des ehemaligen Produktions- standortes Vockerode und des Standortes der Skulptur im Stadtraum von Magdeburg sowie den Prozess des Wachstums innerhalb der Skulptur und am ehemaligen Standort.

Olaf Wegewitz

Mein neuer Weg FutUrtext von Olaf Wegewitz, 2002 Auf eueren Handflächen soll der Sturz der alten Welt vorgezeichnet sein. Ich habe die Fläche des suprematistischen ökologischen Quadrates betreten und hinterlasse sie als das Fundament der ökologischen Entwicklung des Lebensaktes.

Projekt

Die Kultivierung von Pflanzen zählt zu den wichtigsten und intelligentesten Findungen des menschlichen Geistes. Durch geschickte Ausnutzung der natürlichen Verwandlungsfähigkeit von Organismen und Pflanzen gelang es, eine Folge von unzähligen Nutzpflanzen zu finden. Die Zeiträume solcher Formungen sind für das menschliche Maß beträchtlich. Geschickte Auslese und intensive Beobachtung sowie das Spiel des Zufalls ermöglichen es, diese Zeitspanne zu beschränken. Künstlich geschaffene Biome (1), in denen es möglich wird, klimatische Naturzustände weitestgehend zu eliminieren lagen nahe, um die pflanzliche Entwicklungszeit zu manipulieren.

Inzwischen hat sich herausgestellt, daß die Naturzusammenhänge nicht so umfassend begreifbar sind, daß auch künstliche Biome die Lebensweite der Naturwelt enthalten können. Schon das natürliche Klima, dessen Zusammenspiel aus unzähligen Regulationen und sehr komplizierten Energieverwandlungen besteht, zu imitieren, erwies sich als zu aufwendig. Drastische Vereinfachungsmechanismen wurden entwickelt um die faktische Unabhängigkeit des Pflanzenwuchses vom Naturwesen zu erreichen. Natürlicher Einflußnahme kann nur vorgebeugt werden, indem ein durch und durch künstlicher Lebensraum (Gewächshaus) gebaut wird. Nur Nährlösung und Gasgemische sowie Präventivmedikation können solche Systeme erhalten. Mit der verlassenen Gewächshausanlage von Vockerode ist ein solches Bauwerk aufgegeben worden.

Vockerode ist eine Dorf am Mittellauf der Elbe, nahe Dessau. Für die Planung der Gewächshausanlage Vockerode 1972 war entscheidend der Standort des Vockeroder Kraftwerks Elbe, das die erforderlichen umfangreichen Wärme- und Energiemengen lieferte. Das VEG (2) Gewächshausanlage Vockerode entwickelte sich zum führenden Betrieb der Treibhausgemüseproduktion in der DDR, bis 1990 mit einer Gewächshausfläche von 28 ha, mit 912 Arbeitern und Angestellten und 92 Lehrlingen. 1992 erteilte die Treuhandanstalt Berlin die Weisung zur Betriebsliquidierung (3). 1997 wurden die letzten Gewächshäuser zerlegt und verkauft.

Das verzinkte Skelett einer Gewächshaushalle wurde den Künstlern Johanna Bartl, Wieland Krause und Olaf Wegewitz vom Landkreis Anhalt-Zerbst übereignet. Diese Restarchitektur einer aufgegebenen Produktionsanlage wurde im September 2005 im Zentrum der Stadt Magdeburg, der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, wieder errichtet. Am neuen Standort steht nun das „ready-made” dieser Metallkonstruktion. Das Skelett des Gewächshauses wird hier zur Skulptur, die zeichenhaft an die industriellen Produktionsmethoden erinnert und einen Raum optisch eingrenzt, ohne ihn von der Umgebung zu isolieren.

Dieser Raum ist von den Künstlern zum Naturraum erklärt und der natürlichen Sukzession übergeben. Er soll nicht betreten werden und ohne Eingriff in die sich entwickelnde Pflanzengesellschaft bleiben. Die örtlichen Gegebenheiten werden diesen Raum prägen. Im Boden vorhandene, durch Anflug oder von Vögeln eingebrachte Samen von Kräutern, Büschen, Bäumen werden in ständiger Wandlung ein natürliches Gleichgewicht hervorbringen.

Der Raum wird zum Beobachtungsfeld für die Künstler, die Passanten und die Besucher. Hier soll ein Wahrnehmen der natürlichen Erscheinungen in ihrer Vielfalt und Komplexität angeregt werden. Es entsteht ein Freiraum – für die Pflanzen und für unser Denken, eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen menschlichem Wollen, Technik und Natur anregend.

Die Veränderungen in diesem Areal werden von den Künstlern dokumentiert, eine Projekt-Website wurde eingerichtet. Mit dieser Dokumentation wird das der vergangenen Nutzung gewidmete Archiv, durch die Gegenwart, in die Zukunft verlängert. Das Material besteht aus der von den Künstlern zusammengetragenen Sammlung von Informationen zur Geschichte und Struktur des Produktionsbetriebes, historischem Bild- und Filmmaterial, Fundstücken aus der Zeit der Produktion, Gesprächsaufzeichnungen mit ehemals Beschäftigten, Fotografien und Videoaufzeichnungen seit 1997 und Dokumenten über die andauernden Versuche die Skulptur zu eliminieren.

Die Skulptur ist ein Geschenk des Landes Sachsen-Anhalt an die Stadt Magdeburg, sie ist der Versuch fortschrittliche Entwicklungen der Gegenwartskunst Sachsen-Anhalts im öffentlichen Raum zu etablieren. Auf der Rasenfläche neben dem Areal sind zwölf Betonplatten verlegt, fünf davon mit den eingravierten Worten LEBEN ARBEIT ZEIT NORM FREI.

(1) Gesamtheit der Organismengesellschaft einer Bioregion – hier das Gewächshaus
(2) VEG: Volkseigenes Gut
(3) Angaben nach: Aus der Ortsgeschichte von Vockerode, herausgegeben von der Gemeinde Vockerode, 2001

Standort Skulptur GEWÄCHSHAUS: Südöstlicher Rand des Skulpturenparks am Kunstmuseum, Am Fürstenwall

© 1996-2012 Arbeitsgemeinschaft Skulptur GEWÄCHSHAUS